Schriftzug Blog.png

Alle sind gleich aber manche sind gleicher

Aktualisiert: 4. März

irgendwie kann ich den Satz von George Orwell nicht loswerden und hab wieder Mal das Gefühl ES aufzuschreiben, sonst kann ich nicht ruhig atmen.


Vorgestern war ich tanzen. Nach gefühlten 150 Jahren. Weil Tanzen wieder 3G tauglich ist und ich einfach raus musste. Mich dort barfuß zu bewegen war für mich wie in einer Parallelwelt zu atmen.

Nun bin ich gestern auch in die Sauna gegangen. Nach zwei Jahren. Mein Sohn war nicht da. deswegen hatte ich einen freien Nachmittag und wieder das Gefühl, rausgehen zu wollen. In der Sauna gilt noch immer 2G. Ich habe mir gedacht, jetzt, das eine Mal werde ich meinen Genesenen-Nachweis nur für mich nutzen. Nicht für meine Weiterbildung, nicht für meinen Sohn, nur für meine Seele. Ich habe es genossen - zugegeben. Ich mag den Kontrast auf meiner Haut zu spüren, die Hitze und dann die Kälte, Extreme liegen mir nah.

Während des Saunaaufgusses saßen wir alle nackt, Schulter an Schulter nebeneinander schwitzend da. 93 Grad, 30 Leute vielleicht? Aber das Bild war absurd…Es gab kleine Holztrennungen auf den Bänken, Schulterhoch, damit die Viren merken dass sie nicht rüber springen dürfen? Alle ohne Masken - nur die Bedienung im Restaurant musste eine medizinische Maske tragen.


Am Abend stieg ich in mein Auto und schaltete das Handy ein. Eine E-Mail vom Krisendienst bei dem ich arbeite mit dem Betreff Impfpflicht. Mein Magen hat sich zusammengezogen. Die E-Mail konnte ich nicht öffnen. WhatsApp Nachricht von einer Kollegin bekommen die schrieb, dass es uns nun wohl doch auch im Krisendienst noch erwischt.

Mir ist schlecht, ich fahre heim, kann mich aber auf die Fahrt nicht konzentrieren, halte kurz an.

Rufe eine andere Kollegin an, um zu erfahren, ob es wahr ist oder nicht. Leider ist es wahr. Am 2. März erfahre ich, dass ab dem 15. März die einrichtungsbezogene Impfpflicht auch für den Krisendienst gilt. Das trifft mich, Michaela, Tina, Chris und viele andere die nicht geimpft sind. Letzte Woche bei unserer Teamsitzung sah die Welt noch anders aus.

Ich bin seit 2015 dabei. Ich mag den Job, die Leute, das was ich gelernt habe, die Freiheit und das Geld.

Weine am Abend als ich mit Oliver telefoniere. Gott sei Dank, dass es ihn gibt. Den Gott und auch den Oliver.


Heute spüre ich meine bedrückte Stimmung beim aufwachen. Homeoffice - das tut mir gut. Öffne meinen Postfach. Bin überflutet mit E-Mails zum Thema Ukraine. Walter, unser Fachreferent liefert jeden Tag unzählige Seiten mit neuen Gesetzen, Adressen, Leistungsansprüchen, Spendenaufrufen und und und…

Letzte Woche schickte er eine E-Mail vom Erzbistum München- ein Aufruf gemeinsam für die Ukraine zu beten. Hab Walter meine Befürchtung geäußert, dass in diesem Fall, beten möglicherweise nich hilft. Frage ihn ob ich an einer Art professionellen Deformation leide? Spüre ich etwa zu wenig? Weil mich dieser Krieg nicht betrifft? Ich denke nicht… Für mich ist das wieder Mal ein Krieg. Neben Jemen, Syrien, Afghanistan, neben Frauenbeschneidungen, Hunger und Armut wieder etwas Neues dazu.


Meine Freunde in der Slowakei haben Angst - vor dem Krieg und vor Putin. Jetzt, weil es diesmal ein Nachbarland ist, weil es plötzlich unter ihrem Arsch brennt. Vom Jemen wusste keiner. Wieso auch? Liegt doch weit entfernt, betrifft mich nicht, interessiert mich nicht. So sind die Slowaken. Vor ein paar Jahren standen sie auf der Straße, als es darum ging Flüchtlinge in der Slowakei aufzunehmen. Ja, gerne, aber bitte nur 150. Und nur syrische Christen. Nur Christen. Muslimen nicht. Muslim nicht gut. Muslim gefährlich. Wir sind doch ein christliches Land. Das ist Nächstenliebe. Hat Jesus das etwa so gemeint?


Unser Landrat hier, der keine Arbeitserlaubnisse an die Flüchtlinge verteilen mag (sie sollen doch Heim) ruft uns dazu auf, freie Wohnkapazitäten zu melden. Ich lese es immer wieder und kann es nicht glauben. Echt jetzt? Gerade jetzt? Und was ist mit den Anderen, die hier keine Wohnung finden und seit Jahren in diesen erbärmlichen Gemeinschaftsunterkünften verrecken? Zu sechst in einem Zimmer, groß und klein?

Alle sind gleich aber manche sind gleicher. Ein Kriegsflüchtling aus Afghanistan verströmt einen anderen Duft als ein Ukrainer, der nach München mit einem kostenlosen DB- ticket kommt.


Es ist bescheuert.

Es ist verrückt.

Es kotz mich an…


Mein Arbeitgeber dreht durch. Geldspenden, Sachspenden. In der Zeitung steht vor allem die Geldspenden sind willkommen. Zur Hölle mit euch!!!

Wer hat was gespendet als vor zwei Jahren Moria abgebrannt ist? Wer hat je im Winter Sachspenden nach Belarus geliefert, für alle, die dort mit den Schleppern unterwegs Richtung Deutschland waren? Zu Fuß und ohne Freikarten der DB?


Tja, und ich erinnere mich an die Euphorie 2015. Als Menschen auf dem Hauptbahnhof in München die neu Ankommenden willkommen hießen. Und ich spüre es jetzt, wie sich die Stimmung geändert hat, als die Menschen verstanden haben, dass es nicht nur afghanische Ärzte waren, nicht nur hochqualifizierte IT Leute und Ingenieure aus Syrien, sonder viele Menschen, die nicht mal lesen können, die die deutsche Sprache vielleicht nie lernen und möglicherweise für immer auf Harz IV angewiesen sein werden - die aber trotzdem wohnen, essen und einkaufen müssen, die ihre Kinder in "unsere“ Schulen schicken. Frauen, die stinken, weil sie ihre Körper jahrelang auf den italienischen Straßen verkauft haben. Und sie haben Angst, weil die Mafia sie sogar hier findet. Auch sie leben unter uns.

Das sind die Leute die kamen. Aber ihnen wurde damals auf dem Hauptbahnhof nicht zu gewunken. Alle sind gleich aber manche sind gleicher.

Bin gespannt wie lange die Euphorie dieses Mal hält.


Sie brechen mich nicht - auch wenn ich den Job verliere. Setzte mir ein anderes Krönchen auf, stehe auf und werde weiterlaufen.

Der nächste Weg führt mich heute Nachmittag zu meinem Arzt. Ich sage ihm, dass ich schwanger werden möchte. Kinderwunsch schützt wohl vor der Impfpflicht. Soweit sind wir schon...

Ach…was soll ich noch sagen…Zur Hölle mit euch, mit allen die da oben sitzen!!!

-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Das war’s für heute von mir. Ich entschuldige mich für die, teilweise, derbe Ausdrucksweise und meine emotionalen Ausbrüche. Manchmal kann ich mir nicht anders helfen…

Ich bedanke mich für Eure Aufmerksamkeit und bin für alle Fragen, Nachfragen und Anmerkungen offen. Hab eh die ganze Nacht Krisendienst…


Eva.

21 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Neuer Tag, neues Glück. Zustand unverändert. Heute gibt es noch mehr E-Mails, noch mehr Aktionismus. Guter Austausch in der Küche mit zwei Kollegen gehabt, die genauso staunen wie ich. Es wird aber no